![]() |
|||||||||||||||
|
|||||||||||||||
Über den Eigensinn der ungarischen Sprache - Eine LiebeserklärungArtikel aus dem Pester LloydVon Wilhelm Droste Oft sind es gerade übernommene Wörter, die das ungarische seinen strengen Klanggesetzen so eigenwillig unterwirft, daß man in ihnen nichts Vertrautes mehr wiederfindet. Wer erkennt schon im spenót den Spinat, im muszáj das "es muß sein", im blöffölni bluffen, oder, noch versteckter, im vigéc den Handelsvertreter, der sich wohl auch an manch ungarischer Tür mit der deutschen Frage "Wie geht's?" vorzustellen pflegte. Rettet ein Wort bei seiner Magyarisierung seinen Originalklang, dann spielen die Buchstaben um so mehr verrückt. So verwandelt sich zum Beispiel Jazz ungarisch in dzsessz, ohne den geringsten Schaden dabei zu nehmen. Bei diesem Hang zur Dichte überrascht, daß noch dazu musikalische Geister den Klang diktieren. Vokalharmonie heißt das Grundgesetz: Helle Vokale vertragen sich nur mit hellen, dunkle lassen sich nur mit dunklen ein. Gyerek = Kind, gyerekek = Kinder, gyerekekkel = mit Kindern, dagegen aber ablak = Fenster, ablakok = (viele) Fenster, ablakokkal = mit Fenstern. Diese gleichzeitige Wirken von Musikalität und Dichte mag ein Grund dafür sein, daß bei den Ungarn in der poetischen Literatur traditionell die Lyrik an einsam führender Stelle steht und sich in ihr die sprachlichen Schätze des kleinen Volkes vor dem Zugriff der Welt verbergen, denn weder der Klang, noch die eigenwillige Dichte ungarischer Verse lassen sich unverletzt in fremde Sprachen übertragen. Damit ist die Zauberkraft der ungarischen Verben noch nicht erschöpft. Sie ziehen den Täter in den Wortkörper des Tuns hinein: megyek = ich gehe. Auch die Richtung des Gehens verschmilzt mit dem Verb: elmegyek = ich gehe weg, bemegek = ich gehe hinein. Die größte Verschmelzungsleistung vollbringt das Verb für die Liebenden. Die Begierde, der Begehrende und der Begehrte, alles verfließt zu einem Wort: szeretlek, ich liebe dich. Das Ich steckt im K, das Du im L, die Liebe im szeret, das hintere E bindet ganz in der Musik des Wortes das Du an das Ich, die ewige Trennung von Subjekt, Prädikat, Objekt wird aufgehoben für diesen Sonderfall der Gefühle; ein schöneres Bett läßt sich der Liebe sprachlich nicht bereiten. So kühn verschmelzend, wie die Verben im Ungarischen sein können, so empfindlich sind sie auch. Haben sie ein bestimmtes Objekt im Auge, dann wechseln sie betroffen ihre Endung. Utálok = ich verabscheue. Verabscheue ich etwas ganz Bestimmtes, das Leben zum Beispiel, dann heißt das Verb anders, nämlich utálom, utálom az életet = ich verabscheue das Leben. Solche sprachlichen Empfindsamkeiten machen das Erlernen des Ungarischen quälend schwer. Wie es den Ungarn beim Fremdsprachenerwerb kaum gelingt, ihren Akzent und andere Eigenarten gänzlich los zu werden, so ist es auch für den Ausländer nahezu unmöglich, das Ungarische in Fleisch und Blut zu übernehmen. Die Sprache ist wie ein Schutzwall, hinter dem die Nation sich mit all ihren Geheimnissen und Eigenarten fest verschanzen kann. Sie taugt im Kampf um eine souveräne Selbstbehauptung mehr als alle Waffen und Gelder dieser Welt. Johann Gottfried Herder schrieb am Ende des 18. Jahrhunderts über die Ungarn: "Da sind sie jetzt unter Slawen, Deutschen, Wlachen und andern Völkern der geringere Teil der Landeseinwohner, und nach Jahrhunderten wird man vielleicht ihre Sprache kaum finden." Zwei Jahrhunderte haben sie sich nun immerhin schon behaupten können, gegen Herders düstere Prophezeiung, die in Ungarn übrigens so gefürchtet und bekannt ist wie unter den alten Griechen das Schwert des Damokles. Gerade die isolierte Sprache, die Herder für den Schwachpunkt des kleinen, umzingelten Volkes hielt, hat ihre Stärke mit erstaunlichem Trotz beweisen können, sie ist vielleicht sogar das Kernstück der ungarischen Lebensphilosophie des ewigen Trotz-alledem. Herrscht allgemein in der Sprache eine große Dichte und Logik, so erlaubt sie sich doch gelegentlich verrückte Umständlichkeiten und archaische Trägheit. Der Regen zum Beispiel fällt in Ungarn urväterlich träge, gewichtig und schön: esik az esô, wörtlich übersetzt: Es fällt das Fallende. So schön kann nur eine Sprache regnen. Phänomenal konservativ klammert sich das Ungarische auch an längst überlebte Traditionen. "Hogy tetszik lenni?" "Wie beliebt es zu sein?", so altbacken kann ungarisch die Frage nach der aktuellen Laune lauten. Kein Wunder also, daß der schon erwähnte Handelsvertreter, der vigéc, die bequemere deutsche Variante wählte. Das konservative Bestehen der Sprache auf umständliche Biedermeiereien kann den Reiz ewiger Verspieltheit haben, es gibt aber durchaus ungarische Sprachverschlafenheiten, die regelrecht bissig sind. Wenn heute der Direktor einer Fabrik seinen würdig ergrauten Fahrer mit János anredet und duzt, er selbst sich von ihm aber in steifster Sie-Form "igazgató úr", "Herr Direktor", nennen läßt, dann schlägt das liebenswert Konservative in unwürdig Reaktionäres um. Alle Reformen und Revolutionen scheinen die Sprachgewohnheiten der Ungarn kaum berührt zu haben. Der bis zur Willkür mächtige Gutsbesitzer vor den Weltkriegen jedenfalls wird mit seinem Kutscher verbal kaum anders umgesprungen sein. Auch der Handkuß ist ein Überbleibsel der Geschichte. Er hat in Ungarn nichts von seiner habsburgischen Frische eingebüßt, auch sprachlich ist er quicklebendig: "Csókolom a kezét", "Ich küsse ihre Hand". Den Kindern kommt das viele Küssen sehr gelegen; sie küssen verbal sorglos jeden, der ihnen über den Weg läuft. "Csókolom" ist ein freundlich netter Gruß, mit dem man als Kind fast nichts falsch machen kann. Das so freundlich klingende Wort muß aber nicht immer freundlich gemeint sein. Ein restlos entnervter Gast kann zum Beispiel auch ganz hart "Csókolom, csókolom!" rufen und damit unhöflich einer heillos überforderten Kellnerin zu verstehen geben, daß er nun endlich zahlen will. So ein Kuß kann dann ganz fürchterlich klingen, etwa wie im Deutschen: "Nun kommen Sie doch endlich, verflucht noch mal!" Wie das archaische Urgeröll in der ungarischen Sprache liebevoll oder aber auch stickig sein kann, so ist die Tendenz zur Versüßlichung ebenfalls zweigesichtig. Eltern taufen ihre Kinder vergeblich István oder Margit, Stefan oder Margarete, denn gerufen werden sie so in Ungarn nie und nimmer, allenfalls beim Verhör auf dem Polizeipräsidium. Aus István wird Pista, und, weil das A als Endung noch viel zu hart ist, Pisti, und da das noch zu groß klingt, kommt es zu der Verkleinerungsform Pistike, und weil das wiederum zu unpersönlich klingt, heißt der Arme schließlich Pistikém. Im Deutschen entspricht dem etwa "mein kleines, süßes Stefanchen!" Was sprachlich so klein und niedlich klingt, kann im realen Leben durchaus gestandene sechzig Jahre alt sein. Der Margit geht es um keinen Deut besser. Sie wird aus lauter Liebe zu Gitta (Grete) verkleinert, dann zu Gitti (Greti), endlich zu Gittikém (Gretichen). Wilhelm Droste (1987)
|
|||||||||||||||